Was Öko-Test und Stiftung Warentest beim Speiseeis wirklich messen
Wer wissen will, welches Eis im Supermarkt oder Discounter tatsächlich hält, was es verspricht, kommt an zwei Institutionen nicht vorbei: Öko-Test und Stiftung Warentest. Beide prüfen Speiseeis regelmäßig – doch ihre Ansätze unterscheiden sich deutlich.
Testmethodik: Sensorik, Inhaltsstoffe, Schadstoffe
Bei beiden Organisationen beginnt die Prüfung im Labor. Geschulte Sensoriker beurteilen Geruch, Geschmack, Textur und Erscheinungsbild – die sogenannte sensorische Bewertung. Parallel dazu analysieren Chemiker die Inhaltsstoffe: Fettgehalt, Zuckeranteil, Lufteinschluss und etwaige Zusatzstoffe wie Emulgatoren oder Stabilisatoren.
Öko-Test legt zusätzlich besonderen Wert auf Schadstoffe. Im aktuellen Speiseeis-Test 2025 wurden Proben auf Mineralölbestandteile (MOSH und MOAH) sowie Pestizidrückstände untersucht. MOSH steht für Mineral Oil Saturated Hydrocarbons, MOAH für Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons – letztere gelten als potenziell krebserregend und stehen deshalb besonders im Fokus. Die Stiftung Warentest ergänzt diese Analyse um Verpackungsbeurteilungen und Deklarationsprüfungen.
Unterschied zwischen Öko-Test und Stiftung Warentest im Überblick
Die Stiftung Warentest prüft breiter und methodisch besonders transparent: Gewichtungen der Teilkriterien werden offengelegt, Testergebnisse sind detailliert nachvollziehbar. Öko-Test fokussiert stärker auf ökologische und toxikologische Aspekte – und wertet Schadstofffunde konsequenter ab, auch wenn Geschmack und Textur überzeugen. Für Verbraucher bedeutet das: Ein gutes Öko-Test-Urteil ist vor allem ein Qualitätssignal in Bezug auf Inhaltsstoffe und Schadstofffreiheit, ein gutes Stiftung-Warentest-Ergebnis spiegelt eine ausgewogene Gesamtqualität wider.
Der entscheidende Unterschied: Fett, Luft und Wasser im Eis
Die Frage, warum eine Eigenmarke für 1,29 Euro cremiger schmecken kann als ein Markeneis für 3,99 Euro, hat eine technische Antwort – und die lässt sich mit drei Begriffen zusammenfassen: Overrun, Milchfett und Schmelzverhalten.
Overrun: Wie viel Luft steckt wirklich im Eis?
Als Overrun bezeichnet man den Luftanteil, der während der Produktion ins Eis eingeschlagen wird. Gesetzlich sind bis zu 100 Prozent erlaubt – das heißt, ein Liter Eismasse kann auf zwei Liter Eis aufgeblasen werden, wobei die Hälfte des Volumens schlicht Luft ist. Günstiges Eis mit hohem Overrun wirkt leichter und schmilzt schneller, liefert pro Liter aber deutlich weniger Masse und Geschmack. Hochwertige Produkte – ob Marke oder Eigenmarke – haben einen niedrigeren Luftgehalt und damit eine dichtere, cremigere Textur.
Das Überraschende: Einige Discounter-Eigenmarken, etwa von Aldi oder Lidl, arbeiten laut Stiftung Warentest mit einem vergleichsweise niedrigen Overrun. Der Lufteinschlag liegt hier teils unter 50 Prozent, während bestimmte Markenartikel die gesetzliche Obergrenze fast ausreizen.
Fettgehalt als Schlüsselfaktor für Cremigkeit
Milchfett ist der zweite entscheidende Faktor. Je höher der Fettgehalt im Milcheis, desto cremiger und stabiler die Textur. Als Milcheis darf ein Produkt laut deutschem Lebensmittelrecht nur bezeichnet werden, wenn es mindestens 10 Prozent Milchanteil enthält – über den Fettgehalt sagt das aber noch wenig aus. Günstige Produkte ersetzen Milchfett häufig durch pflanzliche Fette oder erhöhen den Wasseranteil, was die Kremigkeit mindert. Einige Eigenmarken sind hier in letzten Tests positiv aufgefallen: Ihr Milchfettgehalt übertrifft jenen mancher teureren Konkurrenzprodukte.
Emulgatoren wie Sojalecithin und Stabilisatoren wie Johannisbrotkernmehl oder Karrageen helfen, die Struktur zu stabilisieren. Sie sind per se nicht problematisch, können aber ein Hinweis sein, dass das Produkt ohne diese Hilfsstoffe nicht die gewünschte Konsistenz erreichen würde.
Warum Billigeis schneller schmilzt
Schmelzverhalten hängt direkt mit Overrun und Fettgehalt zusammen. Ein Eis mit hohem Lufteinschlag und niedrigem Fettanteil verliert seine Form bei Raumtemperatur innerhalb weniger Minuten. Das SWR-Magazin hat im Juni 2025 gezeigt, dass Eis mit einem Literpreis unter 1,50 Euro im Schnitt dreimal so schnell schmilzt wie Produkte im mittleren Preissegment – unabhängig davon, ob es sich um eine Eigenmarke oder ein Markenprodukt handelt. Entscheidend ist die Rezeptur, nicht das Logo auf der Verpackung.
Eigenmarken von Aldi, Lidl und Co. im Testvergleich
Konkrete Testergebnisse liefern das deutlichste Bild – auch wenn sich die getesteten Produkte von Jahr zu Jahr ändern können.
Welche Discounter-Eigenmarken gut abgeschnitten haben
Im Speiseeis-Test der Stiftung Warentest (aktueller Jahrgang 2024) erhielten mehrere Eigenmarken das Urteil „gut“. Besonders Vanilleeis und Schokoladeneis von Aldi Nord und Lidl überzeugten in der sensorischen Bewertung – bei einem Literpreis von teils unter 2,20 Euro. Das bedeutet konkret: Wer 500 ml Lidl-Eigenmarken-Vanilleeis für rund 1,09 Euro kauft, zahlt etwa 2,18 Euro pro Liter. Ein vergleichbares Markenprodukt von Häagen-Dazs oder Ben & Jerry’s kostet im selben Volumen häufig über 5,80 Euro pro Liter.
Welche Markenartikel enttäuscht haben
Teure Marken schnitten vor allem dann schwach ab, wenn der Overrun hoch und der Milchfettgehalt niedrig war – trotz aufwendigem Marketing. Im Öko-Test Speiseeis-Test 2025 wurden einzelne bekannte Marken wegen Mineralölfunden abgewertet, obwohl ihre sensorische Qualität akzeptabel war. Das Testergebnis „mangelhaft“ oder „ausreichend“ trotz hohem Preis zeigt, dass der Aufpreis nicht zwangsläufig mit mehr Qualität korreliert.
Wer steckt hinter den Eigenmarken?
Viele Discounter-Eigenmarken werden in sogenannter Lohnfertigung hergestellt – oft von denselben Produzenten, die auch für bekannte Marken produzieren. Hersteller im Hintergrund sind beispielsweise mitteleuropäische Eisspezialisten, die ihre Kapazitäten für Handelsmarken nutzen. Das erklärt, warum Qualität und Rezeptur sich manchmal kaum von Markenprodukten unterscheiden. Öffentlich bestätigt sind solche Verflechtungen selten – die Hersteller haben kein Interesse daran, dass Kunden die Eigenmarke der teuren Alternative vorziehen.
Problematische Funde: Mineralöl und Pestizide in manchen Eissorten
Neben Cremigkeit und Geschmack gibt es einen Aspekt, der viele Verbraucher beunruhigt: Schadstoffe in der Tiefkühlware.
Was Öko-Test an Schadstoffen bemängelt hat
Im aktuellen Öko-Test Speiseeis-Test 2025 wurden in mehreren Produkten Mineralölbestandteile nachgewiesen. MOSH-Verbindungen (gesättigte Mineralölkohlenwasserstoffe) können sich im Fettgewebe anreichern. MOAH-Verbindungen (aromatische Mineralölkohlenwasserstoffe) stehen im Verdacht, erbgutverändernd zu wirken – ein Grenzwert existiert auf EU-Ebene noch nicht, Öko-Test wertet Nachweise jedoch konsequent negativ. Die Kontamination gelangt meist über Verpackungsmaterialien oder Maschinenöle in der Produktion ins Lebensmittel.
Pestizide wurden vor allem in Fruchteissorten und Produkten mit Kakao gefunden. Da Kakao und Früchte aus konventionellem Anbau oft mit Pestiziden behandelt werden, überträgt sich die Belastung auf das Endprodukt.
Welche Sorten und Marken betroffen sind
Öko-Test benennt betroffene Produkte namentlich – die vollständige Liste ist im aktuellen Testheft (2025) und auf der Webseite von Öko-Test einsehbar. Pauschal lässt sich sagen: Schokoladeneis war im Test überproportional häufig von MOSH/MOAH betroffen, da Kakao und Schokolade als bekannte Eintragsquellen für Mineralöle gelten. Fruchteis aus nicht-biologischem Anbau zeigte erhöhte Pestizidwerte.
Veganes Eis besonders im Fokus
Veganes Eis auf Pflanzenbasis – etwa mit Hafer-, Kokos- oder Mandelmilch – stand im Öko-Test 2025 besonders im Blickpunkt. Die veganen Inhaltsstoffe bringen eigene Risikoprofile mit: Kokosfett kann mit Pestiziden belastet sein, pflanzliche Emulgatoren wie Sonnenblumenlecithin erhöhen den Verarbeitungsgrad. Gleichzeitig schnitten einige Bio-zertifizierte vegane Eigenmarken bei Schadstoffen besser ab als konventionelle Markenprodukte – ein weiteres Indiz dafür, dass Preis und Markenname allein keine Qualitätsgarantie sind.
Worauf Sie beim Kauf von Supermarkt- und Discounter-Eis achten sollten
Testergebnisse sind hilfreich, aber Produkte wechseln, Rezepturen ändern sich. Wer beim nächsten Einkauf selbst urteilen möchte, sollte auf einige konkrete Merkmale achten.
Zutatenliste richtig lesen: Warnzeichen und gute Zeichen
Die Zutatenliste ist das ehrlichste Dokument auf der Eispackung. Gute Zeichen sind: Vollmilch oder Sahne an erster Stelle, ein kurzes Zutatenverzeichnis, keine gehärteten Fette. Warnzeichen sind: Glukosesirup weit oben in der Liste (deutet auf hohen Zuckeranteil hin), mehrere Stabilisatoren gleichzeitig (etwa Karrageen und Johannisbrotkernmehl und Guarkernmehl), sowie „pflanzliches Fett“ ohne Herkunftsangabe. Laut NDR-Ratgeber vom Juni 2024 gilt: Je kürzer und verständlicher die Zutatenliste, desto näher ist das Produkt an traditioneller Rezeptur.
Preis pro Liter als verlässliche Vergleichsgröße
Packungsgrößen variieren stark – 480 ml, 500 ml, 750 ml, 900 ml. Der einzige sinnvolle Vergleichswert ist daher der Preis pro Liter, der seit 2024 in den meisten Supermärkten am Regalschild ausgewiesen sein muss. Eine Eigenmarke für 2,20 €/l und eine Premiummarke für 5,80 €/l müssen sich an ihrer tatsächlichen Qualität messen lassen – nicht an Verpackungsdesign oder Werbung. Die Erfahrung aus mehreren Tests zeigt: Ab einem Literpreis von etwa 3,50 Euro gibt es keinen automatischen Qualitätssprung mehr.
Lagerung und Kältekette: unterschätzter Qualitätsfaktor
Selbst das beste Eis verliert an Qualität, wenn die Tiefkühlkette unterbrochen wurde. Hinweise auf Unterbrechungen: Eiskristalle an der Oberfläche oder innen, ein leicht verformter Becher, gefrorene Klumpen statt gleichmäßiger Masse. Die optimale Lagertemperatur für Speiseeis liegt bei −18 °C oder tiefer. Wer Eis als letztes in den Einkaufswagen legt, in einer Kühltasche transportiert und zu Hause sofort einfriert, schützt die Qualität – unabhängig von Marke oder Preis.
Fazit: Wann lohnt sich der Aufpreis für Markeneis – und wann nicht?
Die Antwort, die Öko-Test und Stiftung Warentest in ihren jüngsten Speiseeis-Tests indirekt liefern, ist eindeutig: Der Aufpreis für Markeneis lohnt sich nicht automatisch. Entscheidend sind Overrun, Milchfettgehalt und Schadstofffreiheit – und in diesen Kriterien sind Discounter-Eigenmarken von Aldi, Lidl oder Penny zunehmend konkurrenzfähig.
Als Eigenmarke empfehlenswert gelten vor allem Produkte, die in der sensorischen Bewertung mit „gut“ abschneiden und keine Auffälligkeiten bei Mineralöl oder Pestiziden zeigen. Den aktuellen Testsieger im jeweiligen Segment finden Verbraucher am verlässlichsten direkt bei Stiftung Warentest und Öko-Test – denn Produktrezepturen ändern sich, und ein Testergebnis von vor zwei Jahren sagt über das heutige Produkt möglicherweise wenig aus.
Das Preis-Leistungs-Verhältnis spricht bei vielen Discounter-Eigenmarken klar für sich. Wer dennoch eine Premiummarke bevorzugt, sollte genau auf die Zutatenliste achten – und nicht darauf vertrauen, dass ein höherer Preis automatisch weniger Luft im Eis bedeutet.
Stand: Juni 2025. Quellen: Öko-Test Speiseeis-Test 2025, Stiftung Warentest Speiseeis-Test 2024, NDR Ratgeber Speiseeis (06.06.2024), SWR Eiscreme – die Tricks der Hersteller (03.06.2025).



