Weißer Spargel gehört zu den flüchtigsten Genüssen des Jahres — kaum ist er da, ist die Saison auch schon wieder vorbei. Zu Pfingsten steht er noch einmal in voller Pracht auf den Märkten: die Stangen fest, die Köpfe geschlossen, der Duft dezent und frisch. Alexander Herrmann, Sternekoch aus dem fränkischen Wirsberg, hat sich über Jahre hinweg mit diesem deutschen Lieblingsgemüse auseinandergesetzt und einen Kniff entwickelt, der das klassische Risotto auf eine neue Ebene hebt: die Zugabe von kalter Brühe. Kein Witz, kein Hype — sondern Physik und Handwerk.
Wer bisher dachte, Risotto sei eine Frage der Geduld und des ständigen Rührens, liegt nur halb richtig. Das Geheimnis liegt im Temperaturunterschied zwischen dem heißen Reis und der bewusst kalt gehaltenen Flüssigkeit — ein Prinzip, das die Stärkeabgabe des Arborio- oder Carnaroli-Korns gezielt steuert. Das Ergebnis ist eine Textur, die cremig gebunden ist, ohne schwer zu werden — genau das, was ein Spargelrisotto zu Pfingsten braucht. Schnappen Sie sich Schürze und Holzlöffel: Diese Methode lässt sich zu Hause perfekt nachkochen.
| Vorbereitung | 20 Min. |
| Kochen | 30 Min. |
| Portionen | 4 Personen |
| Schwierigkeitsgrad | Mittel |
| Kosten | €€ |
| Saison | Weißer Spargel, Frühlingszwiebeln, frische Kräuter |
Geeignet für: Vegetarisch · Glutenfrei (bei geprüfter Brühe)
Zutaten
Für das Risotto
- 500 g weißer Spargel, frisch vom Markt
- 300 g Carnaroli-Reis (ersatzweise Arborio)
- 1 Schalotte, fein gewürfelt
- 1 Zehe Knoblauch, angedrückt
- 120 ml trockener Weißwein
- 80 g Parmesan, frisch gerieben
- 50 g kalte Butter, in Würfeln
- 3 EL Olivenöl, nativ extra
- Fleur de sel, weißer Pfeffer aus der Mühle
- Frische Kerbel- oder Petersilienblätter zum Servieren
Für die Spargelbrühe (kalt bereitstellen)
- Spargelschalen und -abschnitte
- 1,2 l Wasser
- 1 TL Salz
- 1 Prise Zucker
- ½ Bio-Zitrone, Saft
- 1 kleines Lorbeerblatt
Küchenwerkzeug
- Breiter Schmortopf oder tiefe Sauteuse (mind. 28 cm)
- Mittlerer Kochtopf für die Brühe
- Sparschäler
- Feine Reibe (Microplane)
- Holzlöffel oder Gummispatel
- Schüssel mit Eiswasser (optional zum Abschrecken der Spargelspitzen)
- Schöpfkelle
Zubereitung
1. Den Spargel schälen und die Brühe ansetzen
Den Spargel von unten nach oben schälen, dabei großzügig vorgehen — bei weißem Spargel sitzen die Fasern tiefer als man denkt. Die Schalen und die holzigen Enden nicht wegwerfen: Sie bilden die Grundlage der Spargelbrühe. Schalen mit Wasser, Salz, Zucker, Zitronensaft und Lorbeerblatt aufsetzen und 20 Minuten bei mittlerer Hitze ziehen lassen, danach durch ein feines Sieb abseihen. Entscheidend ist nun der Herrmann-Trick: Die Brühe nicht warm halten, sondern vollständig abkühlen lassen — idealerweise im Kühlschrank, während der Reis vorbereitet wird. Der Temperaturgradient zwischen dem heißen Reiskorn und der kalten Flüssigkeit sorgt dafür, dass die Stärke langsamer und gleichmäßiger freigesetzt wird, was die spätere Bindung cremiger und stabiler macht.
2. Den Spargel vorkochen
Die geschälten Spargelstangen schräg in 2–3 cm lange Stücke schneiden, die Köpfe dabei beiseitelegen — sie kommen erst am Ende in das Risotto, damit sie ihre Textur behalten. Die Spargelstücke (ohne Köpfe) in leicht gesalzenem Wasser 4–5 Minuten blanchieren, bis sie gerade weich sind, aber noch Biss haben. Mit einem Schaumlöffel herausheben. Die Köpfe separat nur 2 Minuten blanchieren, in Eiswasser abschrecken — so bleiben sie elfenbeinfarben und fest.
3. Den Reis anrösten — das Nacrieren
Olivenöl in der Sauteuse bei mittlerer bis starker Hitze erwärmen. Schalotte und Knoblauch darin 2–3 Minuten glasig anschwitzen, ohne Farbe zu nehmen. Den Carnaroli-Reis direkt in den Topf geben und nacrieren — dieses Rösten ohne Flüssigkeit, bis jedes Korn leicht transluzent und von einem weißen Kern umgeben ist. Man hört ein leises Kratzen im Topf, der Duft wird nussig. Dieser Schritt ist keine Formalität: Er verschließt die äußere Schicht des Korns und sorgt dafür, dass der Reis später al dente bleibt, also mit einem klaren Biss im Kern.
4. Mit Weißwein ablöschen
Den Weißwein angießen — er verdampft rasch und hinterlässt Säure und Frucht im Reis. Unter ständigem Rühren einkochen lassen, bis die Flüssigkeit vollständig aufgesogen ist. Die Säure des Weins bildet ein aromatisches Gegengewicht zur Süße des Spargels.
5. Die kalte Brühe kellenweise zugeben
Jetzt beginnt das Herzstück der Methode: Die kalte Spargelbrühe wird mit einer Schöpfkelle — jeweils etwa 100–120 ml — zugegeben, ohne sie vorher zu erwärmen. Nach jeder Kelle rühren, bis die Flüssigkeit fast vollständig aufgesogen ist, dann die nächste Portion hinzufügen. Durch den Kälteunterschied brodelt der Topf kurz auf und kühlt sich leicht ab — das reguliert die Hitze auf natürliche Weise und verhindert, dass der Reis außen weich wird, bevor der Kern gar ist. Der gesamte Vorgang dauert 18–22 Minuten. Den blanchierten Spargel (außer den Köpfen) nach der Hälfte der Garzeit einrühren.
6. Montieren und vollenden
Wenn der Reis cremig gebunden und im Kern noch leicht fest ist — das erkennt man daran, dass ein aufgeschnittenes Korn einen feinen weißen Punkt in der Mitte zeigt —, den Topf vom Herd nehmen. Kalte Butterwürfel und frisch geriebenen Parmesan einrühren und den Topf dabei schwenken: das sogenannte Mantecatura, das Aufschlagen zur Emulsion. Das Risotto soll fließen, wenn man den Topf neigt — auf Italienisch heißt das all'onda, „auf der Welle". Die reservierten Spargelköpfe behutsam unterheben, mit Fleur de sel und weißem Pfeffer abschmecken.
Alexander Herrmanns Trick — zusammengefasst
Die kalte Brühe ist kein Zufall, sondern Methode: Wer heiße Flüssigkeit in einen heißen Topf gibt, hält die Temperatur konstant hoch — der Reis kocht zu schnell und gart ungleichmäßig. Kalte Brühe dagegen bremst den Prozess an der Oberfläche des Korns, lässt die Stärke kontrolliert heraustreten und schafft jene sämige Konsistenz, die kein Rühren allein erzeugen kann. Alexander Herrmann empfiehlt außerdem, den letzten Schluck Brühe direkt aus dem Kühlschrank in das fertige Risotto zu ziehen — das senkt die Temperatur vor dem Montieren ab und lässt die Butter besser binden.
Wein zum Spargelrisotto
Spargel enthält Säuren, die viele Weine metallisch wirken lassen. Gefragt ist ein Wein mit dezenter Frucht, guter Säure und ohne dominante Holznoten.
Ein fränkischer Silvaner aus dem Muschelkalk — etwa aus Randersacker oder dem Maindreieck — passt durch seine kräuterige Frische und das mineralische Rückgrat hervorragend. Alternativ eignet sich ein Grüner Veltliner aus der Wachau mit Pfefferwürze. Wer keinen Alkohol trinken möchte, greift zu einem milden Leitungswasser mit etwas Zitronenzeste — die Bitternoten des Spargels werden so gut begleitet, ohne überlagert zu werden.
Wissenswertes: Spargel zu Pfingsten
Pfingsten gilt in Deutschland als der inoffizielle Abschluss der Spargelsaison. Der Brauch, spätestens am 24. Juni — dem Johannistag — mit dem Spargelstechen aufzuhören, hat botanische Gründe: Die Pflanze braucht den Sommer, um Kraft für das kommende Jahr zu tanken. Wer um Pfingsten herum noch einmal Spargel kauft, erwischt häufig die reifsten, aromatischsten Stangen der gesamten Saison — die Böden sind warm, die Stangen wachsen schnell und entwickeln dabei mehr Eigengeschmack.
Risotto und Spargel verbindet eine lange gemeinsame Geschichte in der norditalienischen Küche, besonders im Veneto, wo der Spargel aus Bassano del Grappa — mit geschützter Ursprungsbezeichnung — seit Jahrhunderten als Delikatesse gilt. Die Verbindung mit der deutschen Spargeltradition, wie Alexander Herrmann sie interpretiert, ist eine logische und stimmige Begegnung zweier Kulturen, die den weißen Stängel gleichermaßen verehren. Einige Varianten ersetzen den Parmesan durch einen gereiften fränkischen Ziegenkäse — ein Eingriff, der das Gericht regionaler macht, ohne es zu verfremden.
Nährwerte (pro Portion, ungefähre Angaben)
| Nährstoff | Menge |
|---|---|
| Kalorien | ~480 kcal |
| Eiweiß | ~14 g |
| Kohlenhydrate | ~62 g |
| davon Zucker | ~4 g |
| Fett | ~18 g |
| Ballaststoffe | ~4 g |
Häufige Fragen
Warum muss die Brühe wirklich kalt sein — reicht lauwarm nicht aus?
Lauwarme Brühe gibt den Effekt kaum her. Der Temperaturunterschied zwischen dem heißen Reis und der Flüssigkeit muss deutlich sein, damit die Stärkefreisetzung verlangsamt wird. Im Experiment von Alexander Herrmann zeigte sich, dass Brühe direkt aus dem Kühlschrank — etwa 6–8 °C — die Cremigkeit deutlich verbessert gegenüber einer auf 60 °C vorgewärmten Variante. Wer lauwarme Brühe verwendet, bekommt ein ordentliches Risotto — aber nicht dieses.
Kann man das Risotto vorbereiten?
Nur bedingt. Risotto lässt sich bis zu drei Viertel der Garzeit vorbereiten, dann vom Herd nehmen und bei Bedarf fertigkochen — Gastronomen nennen das Anrisottieren. Vollständig fertig gestelltes Risotto verliert beim Aufwärmen seine Bindung und wird klebrig. Wer für Gäste kocht, bereitet den Reis bis zur letzten Brühenzugabe vor und vollendet das Gericht in den letzten fünf Minuten am Herd.
Welcher Reis funktioniert am besten?
Carnaroli gilt unter Köchen als die zuverlässigste Wahl: Das Korn ist größer, hat einen höheren Stärkegehalt und bleibt länger al dente. Arborio ist zugänglicher und weiter verbreitet, verzeiht aber weniger Fehler beim Timing. Vialone Nano — eine dritte Option — gibt besonders viel Stärke ab und erzeugt ein sehr cremiges, fast suppiges Risotto, das im Veneto traditionell ist.
Wie verwerte ich die restliche Spargelbrühe?
Die abgeseihte Spargelbrühe hält sich im Kühlschrank bis zu drei Tage und lässt sich vielseitig einsetzen: als Basis für eine helle Spargelsuppe, zum Kochen von Nudeln oder Quinoa, oder als leichtes Saucenfundament mit etwas Sahne und Zitronenabrieb. Im Tiefkühler hält sie sich bis zu drei Monate — ideal als Vorrat für nächste Pfingsten.
Lässt sich das Rezept mit grünem Spargel zubereiten?
Ja, mit einigen Anpassungen. Grüner Spargel muss nicht geschält werden und gart schneller. Die Brühe lässt sich dann aus dem unteren Drittel der Stangen kochen — dieser Teil ist oft faserig, gibt aber guten Geschmack ab. Das Risotto bekommt eine leicht grasige, kräuterige Note, die gut zu Zitronenabrieb und frischer Minze passt. Wer beide Sorten kombiniert, erhält ein farbenfrohes Ergebnis mit aromatischer Tiefe.



